Harz
Hier und da sieht es immer noch so aus, als könne gleich der Ziehharmonika-Bus von Severin & Kühn um die Ecke biegen und die Berliner samt ihrer Bagage ausspucken. So wie einst, als die Frontstadt-Bewohner zu den Fichtelgebirglern zu Besuch kamen, zur Sommerfrische, zum Wandern; es war ja so nah, damals noch, vor der Wende.
Die kleinen Bungalows aus der großen Bungalow-Zeit der 60er, die Siedlerhäuschen mit Hauseingängen aus Glasbausteinen oder Eternit, und unten, vor der großen Fernstraße der Betonklotz "Hotel Kaiseralm" in Bischofsgrün. "Das haben die damals so verbrochen", schmunzelt heute der Wirt über den Stil seines Hauses. Ein Denkmal aus den 70er Jahren. Als der Rias, "die freie Stimme der freien Welt", mit Lord Knut die Insulaner im Bus aus West-Berlin hinausbegleitete, noch über die Zonengrenze in Dreilinden, dann für ein paar Stunden verstummte, und kurz hinterm Hermsdorfer Kreuz mit Sammy Drechsel am Mikrofon wieder reinkam ins Radio. Vom Sender Ochsenkopf aus, der von Süden her weit in die DDR hineinfunkte.
Der Ochsenkopf war dann auch erstes Ziel kilometerlanger Trabbi-Schlangen, als die Grenze offen war. Man wollte ihn mit der Hand anfassen auf dem Berg oben, den Turm, der ihnen im Osten die freie Stimme aus dem Westen in die Stube gebracht hatte. Im Winter und Frühjahr 1990 war das, kurzer Jubel und Trubel im Fichtelgebirge, als aber bald danach schon alles anders wurde. So wie im Harz und auch im Wendland, jenem Zipfel oben in Niedersachsen, der so weit hineinragte in den Osten. In den drei alten Vorgärten West-Berlins eben, den Hausbergen der eingeschlossenen Halbstadt, alle am anderen Ende einer der Transitstraßen nach Süden, Westen und Nordwesten.
"Das Fichtelgebirge war von West-Berlinern überschwemmt", erinnert sich heute die Dame von der Touristen-Information in Fichtelberg, "die mochte man schon fast nicht mehr hören".
Heute würde man gern wieder etwas mehr Berliner Dialekt vernehmen in den alten "West-Berliner Mittelgebirgen". Doch die Hauptstädter haben sich rar gemacht. Man fliegt günstig in die Ferne, und die Naherholung, die findet nun im Berliner Umland statt, wo die vielen Seen locken, billige Grundstückspreise, unendliche neue Fahrradpisten. Fichtelgebirge, Harz und Wendland sind dagegen weiter in die Ferne gerückt für die neuen Hauptstädter, weil das Nahe, die Mark Brandenburg, nun wirklich nah ist.
Bis zu 80 Prozent aller Feriengäste in dem oberfränkischen Bergland kamen zu Mauerzeiten aus Berlin, so daß der Einfachheit halber alle Besucher schon "Berliner" hießen. Anfang der 60er Jahre ging es los, das Wirtschaftswunder hatte endlich genügend Urlaubstage und Geld eingebracht. Die Eisenbahnfahrt über Lichtenfels war noch unakzeptabel lang, und für ein Auto reichte es noch bei den wenigsten. So war der beginnende Urlaubsverkehr eine Goldgrube für die Fuhrunternehmen, die ihre langen Gelenkbusse auf die Transitautobahn schickten. Mit dem Bollerwagen kamen die Pensionswirtinnen zur Haltestelle, um die Sommerfrischler zum "Zimmer mit fließend Wasser" abzuholen. Und dann gab die Gemeinde Begrüßungsabende, einmal die Woche, für die neuen Berliner; Schuhplattler, Theatergruppen. Auch viele junge Mädchen waren mit ihren Eltern da. "Was is'n neues angekommen, hat man da immer als junger Bursch geschaut", erinnert sich der Bischofsgrüner Klaus Lederer, heute Pensionswirt und Wanderführer.
Bischofsgrüns zweiter Bürgermeister Hans Bayer schätzt, daß zu Mauerzeiten mindestens 30 Ehen zwischen Berlin und dem Heilkurort geschlossen wurden, pro Jahr mehr als eine. Auch für Bayer selbst endete der Flirt mit einer Berlinerin beim Samstagabend-Tanz im Cafe Kaiser später vor dem Traualtar. "Die hatten schon ein anderes Temperament als wir, die Berliner", erinnert sich Bayer, "hatten immer einen guten Spruch drauf", und es galt die Devise: "Hauptsache Remmidemmi". Wanderführer Lederer kennt aus Erfahrung eine ganz besondere Spezialität der früheren Frontstädter: "Öfter mal einkehren und eine Runde schmeißen". Immerhin halfen die Berliner auch mal, ganz praktisch, bei der Heuernte ihrer Wirtsleute mit.
Heute kommen die Twens, die hier in manche Ehe "schwoften", nicht mehr. An ihrer Stelle entweder junge Familien mit kleinen Kindern oder eben die Rentner, für die die sanften Steigungen gerade recht sind. Auch die Mountainbike-Abfahrt, den die Tourismus-Strategen anlegen ließen, kann das Fichtelgebirge nicht zum Szene-Parcours machen. Die jungen Hauptstädter starten heute von ihren drei Flughäfen lieber in alle Welt oder gehen in der näheren Umgebung surfen, skaten und Radeln - und die Alten vernachlässigen zunehmend ihre Berliner Vorgärten. Die Zeiten, da das Verlassen der Stadt unweigerlich identisch war mit "nach Westdeutschland fahren", sind vorbei.
Treue Berliner Seelen, gewiß, die gibt es noch, aber können sie den Fichtelgebirgs-Tourismus retten? Bärbel von Schachtmeyer zum Beispiel, aus Neukölln, die 1961 zum ersten Mal nach Bischofsgrün fuhr. "Auf Anraten meines Arbeitgebers, ich war doch total unsportlich, und wollte wenigstens ein klitzekleines bißchen machen: Wandern im Fichtelgebirge." Niemals in ihrem Leben hat von Schachtmeyer auch nur einen anderen Urlaubsort besucht. "Von Mallorca und anderswo lasse ich mir gern erzählen, aber es reizt mich überhaupt nicht." Auch heute wird sie noch jedes Jahr von einer Limousine aus Berlin heranchauffiert.
"Neue Stammgäste kommen kaum noch aus Berlin", sagt Pensionswirt Lederer, "es sind nur noch die alten aus West-Berlin." Wie auch Familie Schaller aus Reinickendorf, nach eigenem Bekenntnis "Fichtelgebirgsindianer", seit 1965 mit ihren Töchtern zwischen Warmensteinach und Fichtelberg zum Skilaufen und Bäche-Umleiten unterwegs. Zum 35. Ferienaufenthalt bekamen die Schallers vom Bürgermeister der Gemeinde Fleckl eine blaue Bodenvase geschenkt. Aus der örtlichen Glasbläserei. Seine Goldene Hochzeit feierte das Paar jetzt im Bischofsgrüner Hotel Kaiseralm. In jenem Betonklotz, in dem auch schon mal Hans-Dietrich Genscher nächtigte. Überhaupt hatte sich manchmal Prominenz eingefunden im Fichtelgebirge, auch aus dem alten West-Berlin. Der Kabarettist Wolfgang Gruner hat hier Urlaub gemacht, erzählen die Einwohner Bischofsgrüns.
Doch vielen Berlinern geht es wie dem Rentnerehepaar Schmidt aus Reinickendorf: "Aus Zeitmangel", sagen die Schmidts, "steht seit 1995 das Fichtelgebirge hinten an". Noch 1976 hatte sich die Familie eine kleine Ferienwohnung gekauft, die nun verwaist. Heute geht es an die Ostsee, in den Spreewald, nach Templin oder Zechlin. Oder man fährt gleich nach Oberbayern, wo die Dörfer in flächendeckender Pracht glänzen, während im abgelegenen Weiler im Mittelgebirge die Anstreichfarbe seit Jahrzehnten ausgegangen zu sein scheint.
Für die West-Berliner mag die gefühlte Entfernung ins Fichtelgebirge größer geworden sein, für die Ostdeutschen ist es seit der Wende überhaupt erst erreichbar, und auch sie kommen, zögerlich zwar, aber sie kommen - gottlob für die Wirtsleute. Ganz reibungslos indes läuft die Wiedervereinigung der Urlauber nicht. "Wenn sich die Ossis mit den Wessis krachen, müssen wir schon mal dazwischen gehen", sagt eine Pensionswirtin: "Die West-Berliner wurden doch jedes Mal an der Grenze drangsaliert und hören heute aus jedem Sachsen oder Thüringer einen Vopo heraus".
Ekkehard Röder, Leiter des Touristeninformations-Büros in Bischofsgrün und als Brandenburger selbst ein "Ossi", kritisiert die "Überheblichkeit" seiner ehemaligen Landsleute: "Die reden von Ischgl und von Kitzbühl, wo sie auch mal waren, von Wellness und Fünfsterne-Ansprüchen - und wir müssen ihnen erst mal sagen, daß das hier ein traditionelles Mittelgebirge ist". Auch Röder kritisiert freilich, daß im Fichtelgebirge die nötigen Infrastrukturinvestitionen in den Tourismus verschlafen wurden.
So ist es wohl, der Gast hat ein Mittelgebirge zu erwarten, und das klingt für viele eben nach Mittelmaß zwischen den kompromißloseren Urlaubsgattungen Meer, Städtetrip oder Hochgebirge. Und wenn das Mittelgebirge einst das naheliegendste und deshalb beste war, so spielen heute, in Zeiten offener Grenzen und billiger Flüge die Entfernungen keine Rolle mehr.
London ist näher als Fleckl oder Bischofsgrün - ein Faktor, mit dem nicht nur das Fichtelgebirge zu kämpfen hat. Im West-Harz etwa, einst ebenfalls Naherholungsgebiet der Tempelhofer und Tegeler, der Spandauer und Steglitzer sind die Umbrüche nach der Wende noch stärker ausgefallen. Dort blieben nicht nur die West-Berliner aus, dort ließen Wiedervereinigung und Aufbau Ost ein völlig neues Ferienparadies in direkter Nachbarschaft entstehen. Neid und Mißgunst wabert seither durch den Tann.
"Die meisten Einrichtungen sind hier auf dem Stand der Investitionen der 60er Jahre", kritisiert Christel Kühl, Vermieterin neu renovierter und umgebauter Ferienwohnungen, ihre eigene Zunft. Der Harzfreund würde dies vielleicht noch klaglos hinnehmen in seiner zweiten Heimat mit dem Hutzelstuben-Image - wenn denn die Mauer noch stünde. Inzwischen aber hat gleich nebenan der Ostharz kräftig aufgerüstet. Mit Mitteln aus dem Aufbau Ost und mit EU-Geldern ließen sich munter neue Straßen, Hallenbäder und Wellness-Tempel errichten. Daß Schierke unterhalb vom Brocken mal eben 3,65 Millionen für die Kurpark-Sanierung bekam, der Westharz aber leer ausging, daß Wernigerode mit bis zu 90prozentigen Zuschüssen von außen sein ganzes Stadtbild aufpolieren konnte, all dies macht nicht nur Kühl zu schaffen.
Michael Lücke indes, Chef des Harzer Verkehrsverbandes, will das nicht gelten lassen: "In den ersten fünf Jahren boomte es doch im Westharz, als im Osten die Kapazitäten noch fehlten, da haben die Hotel- und Pensionswirte die notwendigen Investitionen einfach verpaßt und nur kassiert." Der Harz, klagt Lücke, sei heute geprägt durch ein Hutzelstuben-Image einerseits und durch Hochhaushotels aus Beton, die früher von der Zonenrandförderung hochgezogen wurden. Hier knarrende Dielen unter ältlicher Teppichware in dunklen Pensionsfluren, da unpersönliche Bettenburgen, in die keiner mehr will. Keine Spur mehr vom "Westerland des Harzes", wie Braunlage einst hieß, wo Gunter Sachs Ski lief und die Hamburger ihre ersten Pistenerfahrungen sammelten.
Der Westen fällt zurück gegenüber dem Osten, der auch noch näher an der Hauptstadt liegt - und der sowieso den eigentlichen Harz darstellt. Seit der Wende müssen die Urlauber nicht mehr von Torfhaus aus sehnsuchtsvoll zum Brocken hinüberschauen, dem Höhepunkt von Heinrich Heines Harzreise, dem Berg, den Goethe als erster im Winter bestieg und dem er im "Faust" eine Rolle zukommen ließ, dem Gipfel, der souverän über halb Norddeutschland thront. Er ist wieder zugänglich, der "richtige Harz". Wie auch die Orte, die einfach mehr an deutscher Geschichte ausstrahlen, Wernigerode, Halberstadt und andere. "Der Ostharz profitiert vom Kulturimage", sagt Lücke, "von "der Straße der Romanik' etwa", während der Westharz beim Wandern stehen geblieben ist. "Gewiß, " meint der Tourismus-Promoter, "unsere Zukunft sind die älteren Menschen, aber die wollen auch mal jüngere um sich haben." Die Konsequenz: Seit 1991 hat sich der Tourismus im Westharz nahezu halbiert, während er im Osten auf das zweieinhalbfache anstieg.
Ein Beispiel für viele Orte: In St. Andreasberg kamen 1988, dem letzten kompletten Jahr vor dem Mauerfall, noch über 28 000 Urlauber aus West-Berlin. Im Jahr 2004 aber fanden - nach zwischenzeitlichem Boom - aus ganz Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zusammen nur noch gut 20 000 Menschen den Weg in den Ski- und Luftkurort. "Die Hochhäuser müssen wir wohl zurückbauen", meint Lücke.